Leseprobe:

"Dschingel bellt"

Die Wochen vor dem Fest waren in diesem Jahr eher ruhig gewesen. Ein Verdienst meiner Frau, die früh angefangen hatte, die Plätzchen zu backen, die Vorbereitungen zu treffen und alles Notwendige von der Gans bis zum Lametta einzukaufen. Lediglich bei den Geschenken hatte es kleinere Schwierigkeiten gegeben: Haben wir deinem Vater letzte Weihnachten eine CD oder ein Buch geschenkt? Wenn es eine CD war, ist dieses Mal ein Buch dran. War es ein Buch, muss es diesmal die CD sein. Wie einfallsreich. Nein, ein Barbiehaus für Madeleine ist zu teuer, das sehe ich nicht ein. Über 50 Euro für so ein Plastikteil, noch dazu für eine Vierjährige, die mich den letzten Nerv kostet, nein und nochmals nein! Egal, wir hatten uns geeinigt. Mein Vater bekam, von wegen CD oder Buch, eine schicke Strickjacke. Und das Töchterlein einen Kaufladen, sogar aus Holz und günstig, weil gebraucht von einem Kollegen erworben, dessen Kinder dem Tante-Emma-Laden-Spielen längst entwachsen waren.


Elf Tage vor Heilig Abend, an einem kühlen aber sonnigen Samstagnachmittag, machte ich mich mit Madeleine zu einem Spaziergang auf. Ihre Mutter hatte sich zu einem Schläfchen auf das Sofa gelegt, wir wollten nach Moos für die Krippe suchen gehen. Frohgemut stapften wir auf dem hart gefrorenen Boden aus der Siedlung und hatten bald den Waldrand erreicht. In dem Wäldchen wurden wir rasch fündig, lösten das klamme, aber grüne Moos vom Boden und packten es in die mitgenommene Tüte. „Papi darf ich noch ein paar Tannenzapfen mitnehmen?" Ich stimmte zu, man konnte die Zapfen schön zur Tischdekoration nutzen. Madeleine ging, den Blick fest auf den Boden gerichtet, suchend etwas tiefer ins Gehölz. Da hörte sie das Winseln. „Papi, komm mal gucken, da weint jemand.“ Der Jemand war ein kleiner, schwarzer Hund, nicht größer als ein Cockerspaniel, Rasse unbestimmt, Kichplatzmischung eben. Er war mit seiner Lederleine an einer Fichte festgebunden. Ich machte das zitternde, unterkühlte und verängstigte Tier los und schaute am Halsband nach einem Namen, Fehlanzeige. Ich musste den völlig entkräfteten Rüden in den Armen nach Hause tragen, er konnte nicht mehr selbst laufen.


Begeisterung würde ich die Reaktion meiner überraschten Frau nicht nennen. Aber sie erklärte sich bereit, dem Findling Unterschlupf zu gewähren, bis Herkunft und Schicksal geklärt wären. Madeleine erwies sich als fürsorgliche Hundemama. Sie fütterte den neuen Mitbewohner, redete ihm Trost zu, wenn er abends alleine im Flur schlafen musste, wo wir ihm in einem alten Weidenkorb sein Nachtquartier gemacht hatten. Denn Schlaf- oder Kinderzimmer waren und blieben Sperrzone, da kannte die Hausherrin kein Pardon. Der Mischling erholte sich schnell, noch schneller eroberte er die Herzen seiner Lebensretter samt Anhang. Zugegeben, es gab eine kleine Krise, als er auf den guten Teppichboden pinkelte. Doch Dank raschen Einsatzes der Wurzelbürste hielten sich Schaden und Zorn in Grenzen. Und als er Frauchen das erste Mal dankbar die Hand ableckte, schmolz auch diese dahin, geschüttelt von einer Mischung aus Ekel und Rührung.


Alle Versuche, beim Tierheim, beim Fundamt, sogar durch Aushänge den Besitzer ausfindig zu machen, scheiterten. Also tagte die Familienkonferenz und beschloss mit deutlicher Mehrheit - zwei Ja-Stimmen, eine Enthaltung - den Vierbeiner zu behalten. Den Kaufladen hätten wir uns getrost sparen können, es war für Madeleine das schönste Weihnachtsgeschenk.


Eine Frage blieb allerdings offen. Wie sollten wir den Hund nennen, dessen richtigen Namen wir niemals erfahren würden? „Blacky“, schlug ich wegen seiner schwarzen Farbe und wegen meiner Sympathie für Joachim Fuchsberger vor. „Daisy“, meinte meine Frau, weil der Hund beim Moos-Suchen gefunden worden und die ganze Sache sowieso ein Hammer sei. „Was meinst du denn?“ fragten wir unsere Tochter.„Dschingel“, antwortete sie mit dem Selbstverständnis eines Dreikäsehochs. „Dschingel, wieso denn Dschingel?“ „Du hast doch gestern eine CD gehört, da war das drauf!“ Langsam dämmerte mir, was Madeleine meinte. Ich hatte zur Einstimmung eine Platte mit amerikanischer Weihnachtsmusik aufgelegt. Seit diesem Tag heißt unser Hund Dschingel und immer, wenn er bellt, muss ich an Bing Crosby denken.

Gregor Schürer

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