Leseprobe:

"Es schneit nicht im August"

"Ich möchte gerne Weihnachten feiern" - mit diesem Satz überraschte mich Suse, als ich an einem warmen Sommermorgen an ihr Bett kam. Eigentlich heißt unsere Tochter Susanne Maria, aber wir nennen sie nur Suse. Während sie das sagte, das Köpfchen umrahmt von schwarzen Locken auf dem weißen Laken, das Gesichtchen blass wie immer, blitzte es in ihren dunklen Augen. Und ich wusste, was das bedeutete: Ich dulde keinen Widerspruch. Was sich diese Sechsjährige einmal in den Kopf gesetzt hatte, setzte sie durch.


Suse hatte Krebs im Endstadium. Wir hatten alles probiert, alles hinter uns. Operation, danach Bestrahlung. Später, als die Tumorzellen wieder kamen, auch Chemo. Aber nun konnten wir nicht mehr. Und, ehrlich gesagt, wir wollten auch nicht mehr.


Ich hatte es noch nie besonders gut verstanden, Suse einen Wunsch abzuschlagen. Deshalb kam das "Machen wir" ziemlich schnell und auch ein wenig unbedacht über meine Lippen. "Aber das geht doch gar nicht Papa". "Warum nicht?" "Es schneit nicht im August. Und Weihnachten ohne Schnee ist kein richtiges Weihnachten!" Suse liebte den Schnee und wir hatten zusammen manch tolle Schlittenfahrt gemacht. "Wir werden sehen, Schätzchen, lass mich mal machen" antwortete ich.


Erstes Problem: Wo kriegt man um diese Jahreszeit einen Tannenbaum her? Glücklicherweise stand in unserem Garten noch eine passable Fichte und ich machte mich mit der Säge daran zu schaffen. Derweil kramte meine Frau den Christbaumschmuck und die Weihnachtsdekoration aus dem Schrank. Wir stellten das Bäumchen ins Wohnzimmer und ich erinnere mich noch, wie heiß es war, als ich die silbernen Lamettafäden und die blauen Kugeln daran hängte. Am Samstagnachmittag hob ich Suse aus ihrem Bett und trug sie hinab in das festlich hergerichtete Wohnzimmer. Dort stand der prächtig geschmückte Baum, darunter einige, wenige Geschenke. Suses Augen leuchteten. "Nun bleib hier mit Mama sitzen" sagte ich, spurtete im Laufschritt die Treppen hoch und öffnete das Flurfenster. Ein ganzes Kopfkissen – original ungarische ¾ Daunen - schüttelte ich aus dem Inlett. Langsam fielen die Federn zu Boden und ich konnte, als ich atemlos wieder unten stand, die letzten von oben herabrieseln sehen. Wir sangen "Oh Tannenbaum" und "Oh du fröhliche" und Suse packte mit glücklicher Miene die heißgeliebte Barbie mit Surfbrett aus. Sie schlief längst selig lächelnd, als ich später vor dem Haus, erst mit Handkehrer und Besen, später mit dem Staubsauger versuchte, den flaumigen Schnee wieder aufzusammeln.

 

An einem grauen Novembertag ist Suse von uns gegangen. Ganz friedlich, meine Frau wiegte sie in ihren Armen, ich hielt ihr kleines Händchen. Sie hat einfach aufgehört, zu atmen.

 

Wir haben in diesem Jahr keinen Tannenbaum zum Fest, aber weiße Weihnacht. Es hat kräftig geschneit im Dezember. Aber Schlittenfahren, das kann ich nicht mehr.

Gregor Schürer

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