Leseprobe:

Michaela und der Bettler mit dem Benz

Was uns Sankt Martin über das Geben lehrt

Michaela ist noch ganz aufgeregt, es sprudelt förmlich aus ihr heraus: "Stell dir mal vor, Gregor, was mir eben beim Einkaufen passiert ist. Das muss ich dir erzählen."  Ich habe Zeit - oder nehme sie mir, setze mich an den Küchentisch der befreundeten Winzerfrau und sage: "Schieß los." "Ich war eben noch in der Stadt ein paar Sachen besorgen. Meine letzte Station war ein Baumarkt. Vor den Eingang hatte sich ein Mann auf den Boden hingesetzt, gleich neben die Einkaufswagen. Er hatte ein Pappschild  vor sich auf gestellt." Ich ahne schon, wie die Geschichte weiter geht und frage, um meiner aufgebrachten Bekannten etwas Zeit zum Luftholen zu geben: "Was stand denn drauf?" "Ich komme aus Ungarn, habe keine Arbeit und kein Geld, bitte eine Spende für meine Frau und unsere Kinder. So oder so ähnlich, jedenfalls in bestem Deutsch, fein säuberlich von Hand geschrieben, ohne Rechtschreibfehler." "Hm", entgegne ich, um etwas zu entgegnen. "Du kennst mich, Gregor", ihre Stimme wird noch eine Nuance lauter, "ich habe früher auf einer Behörde gearbeitet und weiß, dass in Deutschland niemand hungern muss. Deshalb gebe ich Bettlern eigentlich nichts. Weil ich aber so einen guten Tag hatte, weil heute alles so toll geklappt hat, habe ich eine Ausnahme gemacht und dem Mann auf dem Rückweg zum Auto einen Euro in das Körbchen geworfen." Sie schweigt und ich denke schon, sie wird jetzt etwas ruhiger, da fährt sie fort: "Und jetzt kommt der Knaller! Kaum bin ich bei meinem Wagen angekommen und räume die eingekauften Sachen in den Kofferraum, tippt mir ein älterer Herr auf die Schulter. Er macht mich darauf aufmerksam, dass er den Bettler kenne. Der habe es gar nicht nötig, nach Almosen zu fragen, denn er sei vermögend, fahre sogar eine Mercedes." So etwas hatte ich mir schon gedacht, nun will ich aber die ganze Geschichte hören. "Und weiter?", frage ich Michaela. "Ich war natürlich verdutzt und auch ein wenig sauer, dass ich darauf herein gefallen bin. Doch ich wollte mir nicht die gute Laune und das gute Gefühl nehmen lassen und entgegnete dem älteren Herrn, dass sich der Bettler immerhin auf den Boden gesetzt, also ganz  klein gemacht und ein Stück weit gedemütigt habe. Nein, antwortete er kategorisch, das reicht nicht, Betrüger ist Betrüger, da müssen sie einfach misstrauischer sein, solchen Leuten darf man nichts geben. Mit dieser Belehrung ließ er mich zurück.""Bist Du jetzt wütend auf den Bettler mit dem Benz oder echauffierst Du dich darüber, dass Du dich dafür rechtfertigen musstest, jemandem etwas zu geben?", will ich wissen. "Ich hab mich geärgert, dass ich dafür, dass ich großzügig bin, auch noch Rechenschaft ablegen und mich belehren lassen muss. Schreib da mal was drüber!" Dann kommen wir glücklicherweise auf etwas belanglosere Themen und ich vergesse den Vorfall.

 

Jedenfalls fast, bis er mir jetzt wieder einfällt, pünktlich zum Martinstag. Und ich überlege, wie das wohl Martin von Tours gegangen wäre, wenn er einem Betrüger aufgesessen wäre. Vielleicht war der arme, wenig oder unbekleidete Mann, der ihm am Stadttor von Amiens begegnete, gar kein Bettler. Vielleicht hatte er es nur auf den Militärmantel von Martin abgesehen? Der war damals bestimmt von herausragender Qualität, so etwas hatten nur die römischen Soldaten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit nicht groß ist, möglich wäre da ja. Und wenn es so wäre, wäre Martin dann kein Held, keine Legende, die wir heute noch verehren. Wäre er bloß ein einfältiger Soldat, der einem Gauner aufgesessen ist?

 

Nein, wäre er nicht, er bliebe der heilige Mann, den die Kinder alljährlich mit ihren Umzügen feiern. Denn es kommt nicht auf die Motive des Beschenkten an, sondern auf die des Schenkers. Martin hat aus Erbarmen den Mantel geteilt, er half aus christlicher Nächstenliebe. Es muss nicht immer eine heroische Tat sein, es reicht auch eine kleine Geste, ein kleiner Dienst oder - wie bei Michaela - eine kleine Münze. Warum? Weil die Mehrzahl der Bedürftigen tatsächlich bedürftig ist und nur eine Minderheit Schwindler. Und wenn man einem solchen auf den Leim geht und den wirklich Armen deshalb nichts mehr gibt, straft man die Falschen. Weil man teilen soll, wenn man teilen kann. Und weil es einfach ein gutes Gefühl ist, etwas Gutes zu tun - sprichwörtlich ausgedrückt "Geben ist seliger denn nehmen."

 

Und auch wenn man dafür gemaßregelt wird, ist man in bester Gesellschaft. Als der heilige Martin mit dem durchtrennten, abgerissenen Mantel in die Kaserne zurück kehrte, musste er sich nicht nur den Spott seiner Kameraden anhören. Er wurde außerdem noch zu einer Arreststrafe von drei Tagen Haft wegen mutwilliger Beschädigung von Militäreigentum verurteilt. Da ist es doch deutlich leichter zu ertragen, von einem im Grunde freundlichen, älteren Herrn zu mehr Aufmerksamkeit ermuntert zu werden. Finde ich - und findet mittlerweile bestimmt auch Michaela.

Gregor Schürer

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